Das ist kein Essen, das sind Geschichten zum Genießen

Das Restaurant Saó in Fonteta in Katalonien verblüfft mit Degustationsmenü - (c) Thomas Rentschler

Die Gerichte, die Vicenç Fajardo in dem kleinen, unscheinbaren Restaurant Saó in Fonteta in Katalonien seinen begeisterten Gästen anbietet, sind keine Speisen, sondern „Geschichten“ über die Region Empordà an der Grenze zu Frankreich. Das Empordà ist für ihre Weinproduktion bekannt, doch hinter der Küstenlandschaft der Costa Brava wird eigentlich alles angebaut, was dann in den hippen Restaurants am Strand oder in Barcelona in den Sternerestaurants aufgetischt wird. Dort wird meist viel Getöse um die Menüs gemacht. Nicht so in dem 300 Seelen-Ort Fonteta. 

Verstecktes Paradies
Und das ist meine Geschichte über die Region Empordà und das Restaurant Saó. Als ich an einem sonnigen Sonntagmittag im Juli mit dem Auto die Adresse Carrer Estret, 3, 17110 Fonteta in das Navi eingebe, führt mich das Auto in den Ort zu einem Minidorfplatz. Dort halte ich an, weil ich denke, hier darfst Du nicht weiterfahren, das ist nur eine Fußgängerstraße, so schmal ist sie. Doch Pustekuchen. Ich soll weiterfahren durch die engen Straßen. Am Ortsausgang dann ein öffentlicher Parkplatz. Zu Fuß dann in das Gässchen Carrer Estret. 

Mònica Farré, die Partnerin von Vicenç Fajardo, begrüßt mich und führt mich an einen Tisch in der Ecke. Der Raum ist in warmen Farben gehalten, angenehm, unaufdringlich. Wer mag, kann auch draußen auf der schattigen Terrasse unter Glyzinien speisen - ideal für Sommerabende.

Es gibt zwei Degustationsmenüs und die Gäste können auch zwischen jeweils rund zehn Vorspeisen und Hauptgängen sowie mehreren Desserts wählen.

Ich entscheide mich für das Degustationsmenü für 85 € und verlasse mich auf die Weinempfehlung von Mònica Farré. Aufgetischt wird in den nächsten zwei Stunden alles, was auf dem Menüfoto zu sehen ist – und mehr, denn es beginnt mit zwei Grüßen aus der Küche. Jeder einzelne Gang ist ein Gedicht – oder, in den Worten des Koches, eine Geschichte über die Region in Katalonien.  

Gelungener kulinarischer Balanceakt
Die Gazpacho mit Garnelen-Tartar schmeckt so intensiv wie sie grün ist. Das gegrillte Ochsen-Knochenmark mit Jakobsmuscheln und Ponzu-Sauce bietet einen herrlichen Kontrast zwischen weichen und festen Komponenten. Der Drink aus Äpfeln mit Sahne ist eine Balance zwischen süß-sauer. Die gebratenen Enten-Cannelonie mit Pilzen, Sommertrüffel und Foie-Scheiben zerlaufen auf der Zunge. Die Thunfisch-Parpatana mit Birne, Zitronengras und Dashi-Brühe ist Wechselspiel von süß, sauer, scharf und mild zugleich. Die Brühe wird am Tisch mit einem japanischen Kaffee-Bunsenbrenner zubereitet. Die Waldpilze zur Angus-Lende duften intensiv. Die Desserts sind nicht weniger schmackhaft. Das Eis am Stil ist eine Tee-Matcha-Pistazien-Komposition. Die Creme Millefeuille mit roten Früchten passt perfekt zum Espresso. Und zum Schluss folgt in einem kühlen Steintopf noch eine hausgemachte Praline als krönender Abschluss.

Verbindung zur Region und ihren Menschen
Bei jedem der Gänge ist Fajardo wichtig, die Verbindung zur Region und ihren Menschen herzustellen. Bei vielen Gerichten, pardon, Geschichten, nutzen Fajardo und seine Köche den Grill. Er ist auch Präsident der „Cuina de l’Empordanet“, einem Kollektiv von Köchen und Gastronomen aus der Region. Seit 1995 arbeitet die Gruppe daran, die gastronomische Qualität der Region Empordà zu fördern und sie als erstklassiges kulinarisches Reiseziel zu etablieren. 

Das Kollektiv „Cuina de l’Empordanet“ besteht derzeit aus etwa 20 Restaurants, die mit regionalen Produkten wie Fisch, Gemüse, Obst, Geflügel und Wild arbeiten, um die kulinarische Identität der Region zu stärken. Sie organisieren Veranstaltungen, Kochkurse, Wettbewerbe und geben Kochbücher heraus, um die Küche des Empordà sowohl lokal als auch international zu promoten.

Himmlischer Genuss für weniger als 100 Euro
Fajardo ist nicht nur deren Präsident, sondern vermutlich auch der beste Botschafter, den diese Bewegung haben kann. Wer sich die Google-Bewertungen des Restaurants Saó anschaut, weiß, warum das Restaurant, Stand Juli 2925, 4,9 von fünf möglichen Punkten erhalten hat. Fazit der Mehrzahl der Gäste: Sie sind dankbar für den Genuss so schöner kulinarische Geschichten.

Über den Autor*Innen

Thomas Rentschler

Thomas Rentschler

Thomas Rentschler ist im Schwarzwald aufgewachsen und hat nach einer kaufmännischen Ausbildung bei einer Nachrichtenagentur und auf der Akademie für Publizistik in Hamburg das journalistische Handwerkszeug erlernt und anschließend sowohl als festangestellter Reporter und Redakteur sowie freier Mitarbeiter unter anderem für die Nachrichtenagentur dpa, Zeitungen (Financial Times Deutschland, taz, WAZ, Welt am Sonntag), Zeitschriften (Focus, MAX, Wirtschaftswoche), Hörfunk (Deutschlandfunk, Korean Broadcasting System, NDR, Radio Zürisee, WDR) und TV (MDR) im In- und Ausland (Schweiz, Spanien u