Der Süden boomt – Apulien liegt im Trend

Eine der typischen Spezialitäten Apuliens sind die Bombette, typische Minirouladen aus Schweinenacken - (c) Hannelore Fisgus

Ostuni „la città bianca“, die „weiße Stadt“ gehört zu den beliebtesten Zielen der südöstlichen Region, am Absatz des italienischen Stiefels. Die auf einem Hügel erbaute Stadt schwebt zwischen Himmel und Meer, der Blick reicht weit, über Olivenhaine bis hin zur Adria. Egal, ob tagsüber oder nachts, Ostuni hat eine magische Ausstrahlung und Anziehungskraft. Die Altstadt, ein Labyrinth aus engen Gassen, Treppen und Bögen lädt zum Flanieren ein. Luxuriöse Boutiquehotels, die in den letzten Jahren entstanden sind ziehen ein internationales Publikum an. Immer wieder überraschen kleine Plätze und blumengeschmückte Innenhöfe. Die weißgetünchten Häuser und die mit Blumentöpfen dekorierten Treppen erinnern an das Flair griechischer Inseln. Die weiße Kalkfarbe der Häuser diente, wie dort, früher nicht nur der Schönheit, sondern auch der Hygiene und Kühlung der Stadt. Sehenswert ist die spätgotische Kathedrale aus dem 15. Jahrhundert. Sie ist das wichtigste Bauwerk, aber auch Teile der alten Stadtbefestigung sind erhalten, aus der Zeit, als Ostuni eine strategisch wichtige Bedeutung hatte. Von hier aus genießt man oft großartige Ausblicke auf die Landschaft. Abends, wenn die Sonne hinter den Hügeln versinkt, trifft man sich, vielleicht nach einem Tag an einem der nahegelegenen Strände zum Aperitif.  Zu späterer Stunde bevölkern dann Nachtschwärmer die Treppenstufen und Gassen der Stadt und genießen das mediterrane Flair in den zahlreichen Bars und Restaurants.

Bummeln und Shoppen
Die Piazza della Libertà mit dem historischen Rathaus und der imposanten „Colonna di Sant’Oronzo“, einem barocken Obelisken zu Ehren des Heiligen Oronzo bildet den Übergang zwischen Alt- und Neustadt. Hier trifft man sich in den Cafés oder verabredet sich unter der Statue des Heiligen. Die weitläufigere Neustadt lockt mit zahlreichen kleinen Boutiquen, aber auch mit süßen Verführungen wie sie die Pasticceria „da Ciccio“ zu bieten hat. Besonders berühmt ist „da Ciccio“ für die „tette della monaca“, zarte, kuppelförmige  Bisquittörtchen mit Schlagsahne gefüllt, die schon den Klosterfrauen früher wohlige Seufzer aus tiefster Brust entlockt haben sollen. Denn die süße Spezialität, die es auch mit Schokolade- oder Pistaziensahne gibt, soll im Mittelalter von Klosterschwestern erfunden worden sein. Auch die Torta del Nonno – nicht zu verwechseln mit der Torta della Nonna - mit Marzipan, kandierten Ananas- und Maronistücken gefüllt, ist eine Versuchung wert. Ganz nebenbei gibt es hier auch das beste Eis der Stadt. Samstags lockt der Wochenmarkt, der sich über mehrere Straßen rund um die Via Nino Sansone erstreckt. Hier findet man alles, vom Unterhemd bis zu frischem Obst und Gemüse, von dem der Tisch in Apulien reich gedeckt ist. Viele kleine Betriebe gehen in der Neustadt noch ihrem traditionellen Handwerk nach. So zum Beispiel in der Via Giuseppe di Vittorio 59 wo Paolo Roma seit 25 Jahren handwerklich Mozzarella, Burrata und andere Spezialitäten aus „pasta-filata“, d.h. geknetetem, gezogenem Käseteig herstellt. Die Käsemasse, die in heißem Wasser geschmeidig gehalten wird, formt der Meister, unterstützt von seinen Söhnen, in Windeseile zu Mozzarellakugeln in allen erdenklichen Größen, zu Zöpfen und zu der ganz besonderen Spezialität „stracciatella“. Dieser mit frischer Sahne gefüllte Mozzarella zergeht auf der Zunge.

Masserien und 1000jährige Oliven
Von Ostuni aus führen schmale Straßen kilometerweit an aufgeschichteten Steinmauern entlang durch Olivenhaine. Ein Stopp lohnt sich, um die monumentalen Olivenbäume mit ihren in Jahrhunderten gedrehten und gewundenen Stämmen zu bestaunen. Nirgendwo gibt es ältere Olivenbäume als hier, es sind wahre Dinosaurier ihrer Art. Viele davon befinden sich im Besitz von Masserien, historischen Landgütern, die in Apulien zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Die oft schlossartigen Herrenhäuser, umgeben von Wirtschaftsgebäuden und Unterkünften für die Bauern bildeten früher autarke Einheiten, Trutzburgen mit eigenen Ölmühlen, Backereien, Weinkellern und Zisternen, die mit ihren dicken Mauern gegebenenfalls auch Schutz vor Feinden boten. Im letzten Jahrhundert wurden viele aufgelassen, aber inzwischen sind sie wieder auferstanden als landestypische, oft luxuriöse Feriendomizile. Aber trotz modernem Komfort, Infinity-Pool und Spa-Bereich verleugnen sie ihren Ursprung nicht, sondern betreiben nebenbei weiter Landwirtschaft. Die meisten produzieren ihren eigenen Wein und Olivenöl, kultivieren Obstbäume und Gemüsegärten, die frische Zutaten für die Restaurant-Küchen liefern. Ein Paradebeispiel ist die Masseria Amastuola, umgeben von preisgekrönten Weingärten. Die Besonderheit des Bioweingutes ist die Gestaltung der Weinberge, die nicht rechteckig, sondern in weichen Wellen angelegt sind, so als würde ein Wind sie kräuseln. Das historische Gebäude aus dem 15. Jahrhundert wurde mit viel Liebe zum Detail restauriert und verbindet authentische apulische Architektur mit modernem Design und Komfort. Weitläufigkeit ist auch in dieser Masseria ein prägendes Merkmal. Die leuchtend weißen Gebäude liegen Inmitten grüner Hügel, nur wenige Kilometer vom Ionischen Meer entfernt und von der Terrasse aus genießt man gigantische Blicke über die Landschaft des Salento bis hin zum Golf von Tarent. Restaurant und Weinkeller verwöhnen die Gäste mit apulischen Spezialitäten und wer Lust hat, kann bei Weinproben und Kochkursen sein kulinarisches Wissen erweitern.

Im Tal der Trulli
Von Ostuni aus ist man schnell im Valle d’Itria, auch bekannt als Tal der Trulli. Dieses berühmte Tal, dessen Mittelpunkt und Leuchtturm die UNESCO Welterbestadt Alberobello ist, erstreckt sich zwischen den Provinzen Brindisi, Bari und Taranto. Hier gibt es die größte Konzentration von Trulli, diesen typischen Rundbauten mit ihren „Zipfelmützen“. Überall stehen die grauen oder weißen Kegel, einzeln oder in Gruppen, zwischen den Olivenbäumen. Ursprünglich waren die runden Häuser einfache Unterkünfte oder Schutzhütten für die Bauern. Ohne Mörtel nur als Trockenmauerwerk aus Kalksteinen waren sie schnell aufgeschichtet und praktisch. Die dicken Mauern halten auch heute noch die Innenräume im Sommer kühl und im Winter vergleichsweise warm. Die Bauweise, die sich ab dem Spätmittelalter in Apulien entwickelte, hatte viele Vorteile, auch, dass man einen Trullo schnell wieder abbauen konnte. Viele der Rundbauten zerfielen im Laufe der Jahre, von den Erhaltenen sind Inzwischen viele zu Feriendomizilen geworden. Wir besuchen Anna in ihrem Trullo den sie von ihrem Großvater geerbt hat. Nebenan befindet sich eine Lamia, ein ebenfalls typischer, etwas modernerer Typ von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Beides ist umgeben von Olivenbäumen, soweit das Auge reicht. Ein Pool sorgt an heißen Tagen für Abkühlung. Nur die Zikaden verursachen Lärm in diesem Paradies, in dem sie ihre Gäste empfängt. Sie pflückt eine Feige und sagt, dass die Früchte im Gegensatz zu früher, jetzt schon im Juli reifen. Wer hier, mitten in der Natur lebt, beobachtet und pflegt sie gut. Wenn ihre Gäste es wünschen, eilt Mama Rosina herbei und zeigt ihnen, wie original apulische Küche geht: Eintopf mit Kartoffeln, Reis und Muscheln ist ihre ganz besondere Spezialität, aber auch wie die Orecchiette hergestellt werden kann man von ihr lernen. Typischerweise werden die kleinen Muschelnudeln mit Knoblauch, Sardellen und Cime di Rapa – einer Art wildem Broccoli serviert. Polpette, Bällchen aus Fleisch, aber auch aus Brot und Gemüse schmecken köstlich, wenn sie unter dem Mandelbaum im Freien vor dem Trullo serviert werden, wo Anna den Tisch für ihre Gäste deckt.

Apulien zu Tisch
Foccaccia Barese, Frise, Taralli und das Brot von Altamura - das einzige Brot in der EU das mit einer geschützten Herkunftsbezeichnung punkten kann – das alles sind typische Brotspezialitäten, die unbedingt zu Apulien gehören. Die Frise, zwiebackartige Brotkringel, die mit Tomaten belegt wieder weich werden oder die Taralli, die kleinen Brotkringel, die früher sogar aus Brotresten hergestellt wurden, dürfen bei keinem Aperitif fehlen.  Die apulische Küche war traditionell eine Armleuteküche, aber die Fantasie hat sie beflügelt. Der Reichtum an Gemüsen ist groß, Tomaten, Auberginen, Zucchini, Artischocken, Zwiebeln, je nach Jahreszeit, kommen sie in allen Variationen auf den Tisch. Dazu Oliven, Mandeln, Feigen, Granatäpfel – alles frisch von den Bäumen gepflückt, das kann man heute als wahren Luxus bezeichnen. Frischen Fisch liefern gleich zwei Meere: die Adria und das Ionische und die Lämmer für den Braten weiden unter den Olivenbäumen. Eine Spezialität der Gegend sind auch die „Bombette di Cisternino“, kleine Rouladen aus dünn geklopftem Schweinenacken, gefüllt mit Caciocavallo und Kräutern. Gerne und viel wird auch frittiert, zum Beispiel Panzerotti, mit Tomate und Mozarella gefüllte Teigtaschen, Auberginen und andere Gemüse, Reisbällchen und vieles mehr. Der Tisch ist jedenfalls immer reich gedeckt.

Weitere Informationen zu Apulien finden Sie hier...
www.Visit.puglia.it
www.Ask-anna.it

Ein kulinarisches Reiseangebot wie beschrieben finden Sie unter…
www.Klingsöhr-Reisen.de

Über den Autor*Innen

Hannelore Fisgus

Hannelore Fisgus ist freie Journalistin, Reporterin und Buchautorin. Sie liebt und berichtet über Italien, Reisen ins Land jenseits des Brenners und die typische italienische Küche.